In Weisendorf hilft die AWO Menschen zurück in ein selbstständiges Leben 

Wohnungslosigkeit kann viele Ursachen haben: eine Eigenbedarfskündigung, steigende Lebenshaltungskosten, eine Trennung, den Verlust des Arbeitsplatzes oder eine schwierige persönliche Lebenssituation. Was den betroffenen Menschen häufig fehlt, ist nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch Unterstützung, Orientierung und eine realistische Perspektive für den nächsten Schritt. 

In Weisendorf bietet die Arbeiterwohlfahrt (AWO) Menschen deshalb ein vorübergehendes Zuhause und begleitet sie dabei, wieder Halt zu finden und ihr Leben selbstständig zu organisieren. Projektleiterin Swenja Ott-Habermann ist seit dem 1. Mai für das Wohnungsprojekt verantwortlich. Zuvor arbeitete sie achtzehn Jahre in der Suchthilfe. In ihrer täglichen Arbeit erlebt sie, wie unterschiedlich die Wege in die Wohnungslosigkeit sein können. 

Solidarisch handeln, gemeinsam Verantwortung übernehmen 

Am Projekt beteiligen sich derzeit sechs Gemeinden: Heßdorf, Weisendorf, Großenseebach, Hemhofen, Röttenbach und Wachenroth. Sie finanzieren die Unterkünfte und erhalten dafür die Möglichkeit, Menschen aus ihrer Gemeinde zuzuweisen. Pro Platz werden rund 1.000 Euro monatlich veranschlagt. Die langfristige Absicherung erfolgt über eine zehnjährige Projektbindung. 

Damit entsteht ein solidarisches Modell: Nicht jede Gemeinde muss allein eine eigene Unterkunft und ein eigenes Unterstützungsangebot aufbauen. Stattdessen teilen sich mehrere Kommunen eine Einrichtung und haben mit der AWO eine feste, fachkundige Ansprechpartnerin vor Ort. Auch nach dem Auszug der Bewohner bleibt die Begleitung möglich. Damit bringt die Lösung nicht nur kurzfristig Abhilfe, sondern kann nachhaltig wirken.  

Für den Markt Weisendorf unterstützt Bürgermeister Herr Wendel das Projekt. Gemeinsam mit den weiteren beteiligten Bürgermeistern hat er damit Mut bewiesen, neue Wege zu gehen und die notwendigen politischen Entscheidungen voranzubringen. Gerade bei freiwilligen Leistungen und angespannten kommunalen Haushalten ist dieses Engagement nicht selbstverständlich.

Wohnungslosigkeit hat viele Gesichter 

Swenja Ott-Habermann erlebt in ihrer tägliche Arbeit, wie unterschiedlich die Wege in die Wohnungslosigkeit sein können: Wenn ein Ehepartner in ein Pflegeheim kommt, kann das Einkommen plötzlich nicht mehr ausreichen, um die bisherige Miete zu bezahlen. Auch junge Familien sind betroffen. Auch eine Eigenbedarfskündigung kann dazu führen, dass man plötzlich ohne Wohnung dasteht.  

Gleichzeitig ist bezahlbarer Wohnraum knapp, und viele Vermieterinnen und Vermieter prüfen sehr genau, an wen sie eine Wohnung vermieten. Selbst Menschen mit Arbeit können es schwer haben, eine Wohnung zu finden – etwa, wenn Vorurteile, unsichere Beschäftigungsverhältnisse oder eine problematische Schufa-Auskunft hinzukommen. 

Mehr als ein Bett und vier Wände 

Oft geht es gar nicht darum so schnell wie möglich eine eigene Wohnung für die Obdachlosen zu finden. Entscheidend sei die Frage, wie Menschen ihren Alltag bewältigen und welche Unterstützung sie benötigen. Denn häufig fehlen zunächst wichtige Grundlagen, damit eine eigene Wohnung dauerhaft erhalten werden kann. 

In Weisendorf finden die Bewohnerinnen und Bewohner ein vollständig ausgestattetes eigenes Zimmer vor. Dazu kommen eine gut ausgestattete Gemeinschaftsküche, ein wohnliches Wohnzimmer, gemeinsam genutzte Bäder und ein Garten. Das Haus ist wie eine Wohngemeinschaft organisiert. Alle übernehmen Aufgaben und Verantwortung: Sie helfen beim Aufräumen, kümmern sich um den Haushalt, arbeiten gemeinsam im Garten oder bauen Gemüse in Hochbeeten an. 

Auch das Essen wird gemeinschaftlich organisiert. Eine Gruppe kocht, anschließend wird zusammen gegessen. Lokale Supermärkte unterstützen die AWO dabei. Diese alltäglichen Aufgaben sind ein wichtiger Bestandteil des Konzepts. Sie geben Struktur, stärken das Verantwortungsgefühl und schaffen Möglichkeiten, wieder Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. 

Die AWO bietet darüber hinaus soziale Unterstützung und Qualifizierungsangebote. Gemeinsam werden die persönlichen Schwierigkeiten betrachtet, die hinter der Wohnungslosigkeit stehen. Nach Einschätzung von Ott-Habermann ist das in einer vertrauten Gemeinschaft oft besser möglich als in einer klassischen Fachstelle, während eines zeitlich begrenzten Beratunsgstermins: Im Alltag zeigt sich unmittelbar, wo jemand Unterstützung braucht. 

Die Idee knüpft an die Erfahrungen von Michael Thiem an, dem Gründer der Laufer Mühle in Lauf bei Adelsdorf. In der Suchthilfe wurde früh deutlich, dass viele Menschen auch mit Wohnungslosigkeit oder dem Verlust ihrer Unterkunft zu kämpfen haben. Thiems Ansatz beruht auf der Erfahrung, dass Gemeinschaft Menschen tragen und zu Veränderungen motivieren kann. „Die Gemeinschaft ist der heilende Moment“ – dieser Gedanke prägt auch das neue Angebot. 

Ein erster Erfolg in Weisendorf 

Wie wichtig eine solche Unterstützung sein kann, zeigte sich im Juni: Eine junge Mutter mit Kind, die ihre Wohnung verloren hatte, kam zunächst im Haus der AWO in Weisendorf unter. Ohne diese Lösung hätte eine Unterbringung in einer herkömmlichen Obdachlosenunterkunft möglicherweise eine Kindeswohlgefährdung bedeutet und das Kind wäre ins Heim oder zu Pflegeeltern gekommen. Das Jugendamt begleitete den zunächst neuen und ungewohnten Ansatz trotz anfänglicher Skepsis. Seit dem 1. August lebt die Mutter wieder in einer eigenen Wohnung. 

Solche Entwicklungen sind das Ziel des Projekts: Die Unterkünfte sollen kein dauerhafter Ersatz für eine eigene Wohnung sein, sondern ein geschützter Übergang. Die Bewohnerinnen und Bewohner bekommen Zeit, Unterstützung und die Möglichkeit, Schritt für Schritt wieder auf eigenen Beinen zu stehen.

Ein Modell mit Wachstumspotenzial 

Bei der Planung wurde zunächst anhand der Einwohnerzahlen ermittelt, wie viele Plätze die einzelnen Gemeinden voraussichtlich benötigen. Die Praxis zeigt jedoch, dass solche Berechnungen schnell an ihre Grenzen kommen. Eine Familie oder ein besonderer Unterstützungsbedarf kann die Belegung deutlich verändern. Nach Einschätzung von Ott-Habermann wird der Bedarf eher steigen als sinken. 

Deshalb soll das Projekt perspektivisch auf alle Gemeinden des Landkreises Erlangen-Höchstadt ausgeweitet werden. Auch aus Nachbarlandkreisen gibt es bereits Anfragen und Interesse. Wenn sich weitere Kommunen beteiligen, könnten künftig thematische Häuser entstehen – beispielsweise für Frauen mit Kindern oder für junge Menschen bis 25 Jahre. Solche spezialisierten Angebote lassen sich jedoch nur verwirklichen, wenn genügend Gemeinden gemeinsam Verantwortung übernehmen. 

Mut, kurze Wege und ein gemeinsames Ziel 

Dass das Projekt in dieser Form umgesetzt werden konnte, ist mehreren Menschen zu verdanken. AWO-Geschäftsführer Christian Pech hat den Mut bewiesen, das Vorhaben gemeinsam mit der AWO auf den Weg zu bringen. Ohne seine Bereitschaft, als AWO Kreisverband Erlangen-Höchstadt e.V. die Trägerschaft zu übernehmen, gäbe es dieses Angebot nicht. 

Ebenso wichtig ist das Engagement der beteiligten Bürgermeister. Sie haben sich in ihren Gemeinden für die notwendigen Haushaltsentscheidungen eingesetzt und damit gezeigt, dass kommunale Zusammenarbeit konkrete Hilfe ermöglichen kann. Auch Herr Wendel hat das Projekt in Weisendorf unterstützt und dazu beigetragen, dass aus einer Idee ein tragfähiges Angebot wurde. 

Das Beispiel zeigt: Nicht jede Lösung muss neu erfunden werden aber manchmal braucht es den Mut, bekannte Wege zu verlassen. Frau Ott-Habermann sagt zu recht: „Man sagt ja immer: Deutschland ist überbürokratisiert und man erreicht nichts. Aber wenn man den Mut hat, um Hürden herumzugehen, dann kann man auch unglaublich viel bewirken.“ Wenn Kommunen ihre Kräfte bündeln, die AWO fachliche Unterstützung einbringt und Entscheidungen auf kurzen Wegen getroffen werden, kann viel entstehen: ein sicherer Ort, persönliche Begleitung und die Chance auf einen neuen Anfang.